Lena Henning ist zufrieden. Sie ist mit geringem Eigenkapital direkt nach dem Deutsch- und Politikstudium als Franchisepartnerin beim Nachhilfeinstitut Studienkreis eingestiegen. Mit Erfolg. Die von ihr geführte Nebenstelle in Bremen läuft seit einem Jahr bestens. Tatsächlich haben die meisten der kleinen und großen Nachhilfeinstitute seit Jahren Hochkonjunktur. Und auch Nachhilfelehrer, die auf eigene Rechnung arbeiten, haben alle Hände voll zu tun.

Laut einer Studie der Bertelsmann-Stiftung, die im Januar 2010 herausgegeben wurde, nehmen 1,1 Millionen Schüler und Schülerinnen regelmäßig Nachhilfe in Anspruch.  Die  Eltern geben schätzungsweise bis zu 1,5 Milliarden Euro im Jahr für zusätzlichen Unterricht aus. Die Hauptfächer Mathe, Englisch und Deutsch sind die Renner unter den Lehrangeboten. In Baden-Württemberg und Hamburg geben Eltern am meisten aus, in Sachsen –Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern am wenigsten.



Der Grund für das stete Wachstum der Nachhilfeindustrie scheint die Unzufriedenheit der Eltern mit dem unzureichenden deutschen Schulsystem zu sein, so das Resümee der Bertelsmann-Stiftung. Peter Richter*, Sozialpädagoge und Koordinator für Förderunterricht an einem Gymnasium, bestätigt den Verdacht mit seinen Erfahrungen. "Ich kann natürlich nur meinen Eindruck wiedergeben. Auffällig ist aber, dass an manchen Schulen es zeitweise drunter und drüber geht, viele Lehrer sind hoffnungslos überfordert." Darunter leide die Qualität des Unterrichts.

Die Eltern haben oft nicht die Zeit, die Geduld oder auch das Wissen, um ihren Kindern bei Hausaufgaben oder bei der Vorbereitung auf eine Klassenarbeit zu unterstützen und auszugleichen, was in der Schule an individueller Förderung fehlt.  "Nachhilfe wird dann oft nicht nur kurzzeitig in Anspruch genommen, um schulische Defizite auszugleichen, die zusätzliche Unterstützung ist mittlerweile zum Dauerzustand geworden", sagt Richter.

Nicht alle Schüler kommen wegen schlechter Noten. Nahmen Eltern für ihre Schützlinge früher Nachhilfe in Anspruch, wenn ein "Mangelhaft" im Zeugnis drohte, ist die Erwartung an Schüler und Schülerinnen in den letzten Jahren gewachsen. Oft sind Schüler und Eltern mit der Drei im Hauptfach nicht mehr zufrieden. Auch in den letzten Grundschulklassen wird verstärkt Nachhilfeunterricht genommen, um den Sprung aufs Gymnasium zu schaffen.

"Aber Nachhilfe bringt nicht immer etwas", sagt Simone Vintz von der Stiftung Warentest. "Wenn beispielsweise der Anspruch der Eltern und der des Kindes nicht übereinstimmen, kann es Probleme geben. Denn das Kind muss die Nachhilfe auch wollen."

Klare Aussagen darüber, ob nun der private Nachhilfelehrer, oder das Nachhilfeinstitut in Sachen Qualität die Nase vorn haben, liegen nicht vor. Umfragen unter Eltern und Schülern haben sowohl Nachhilfeinstituten als auch privaten Nachhilfelehrern gute und schlechte Kritiken beschert. Laut Vintz gäbe es einen leichten Vorteil für den privaten Unterricht, da dieser üblicherweise einzeln erfolgt. Der Lehrer könne intensiver auf die Kinder eingehen. Henning ergänzt: "Im Einzelunterricht sind die Schüler am besten aufgehoben, die sich leicht ablenken lassen." Der Kleingruppenunterricht bietet laut Hennig andere Vorteile: "Schüler gehen motivierter in die Nachhilfestunde, weil sie nicht allein büffeln müssen. Zudem lernen die Schüler, miteinander umzugehen und anderen zu helfen."

Längerfristig ist es jedoch fraglich, ob Schulen die Förderung der Kinder als teure Privatangelegenheit der Eltern ansehen sollten. Denn nicht alle Familien können sich Nachhilfeunterricht leisten. Wenn er zur Selbstverständlichkeit wird, wird sich die ungerechte Bildungssituation der Kinder in Deutschland nicht verändern können. Die Bertelsmann-Stiftung weist in ihrer Studie darauf hin, dass manche skandinavische Länder oder auch die Niederlande und Kanada es schaffen, die individuelle Förderung in der Schule zu belassen. Kinder kommen hier weitgehend ohne Nachhilfe aus.

* Name von der Redaktion geändert

NullBock2

(*) Corinna setzt hier jeweils zusätzlich zu ihrer eigenen Heilarbeit eine Person als Motivations-Trainer und eine Lehrfachkraft ein, welche die besonders problematischen Lern-Fächer abdeckt.